Auf dem Weg zur Post-Agilität: Haltung vs. Methode – Critical Action Learning und Kollegiale Beratung im Dialog

PM zum

Prof. Dr. Bernhard Hauser (li.) und Prof. Dr. Kim-Oliver Tietze (re)

Action Learning Dialog #9 am 26.11.2018 bei der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning

Agilität ist „in“, Begriffe wie „Agile Leadership“ sind in aller Munde und zahlreiche Methoden werden unter diesem Label derzeit neu vermarktet. Es ist daher an der Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen, welche Haltung jenseits aller Moden im Führungsbereich dazu beiträgt, verantwortungsvoll den immensen und wachsenden Herausforderungen zu begegnen, denen sich die Führung in Organisationen heute gegenübersieht und auf welche Weise diese Haltung in der Praxis mit Leben gefüllt werden kann. Critical Action Learning und Kollegiale Beratung sind seit vielen Jahren bewährte Verfahren, die in immer mehr Unternehmen mit positiver Resonanz eingesetzt werden. Entstanden sind sie unabhängig voneinander im englischen bzw. im mitteleuropäischen Raum. Es gibt formale Ähnlichkeiten, wie die Arbeit in kleinen Gruppen – meist mit Managern – und die Bearbeitung von Problemen im Organisationskontext. Es gib aber auch bedeutende Unterschiede in Zielsetzung, Anwendungsbereich und Methodik. Das wirft zahlreiche Fragen auf, die für Anwender in Organisationen von Interesse sind: Handelt es sich um grundlegend verschiedene Ansätze? Wie kompatibel ist das eine mit dem anderen? Ist das eine ein Sonderfall des anderen? Und vor allem: welchen Beitrag zum Umgang mit den Herausforderungen von Führung leistet das eine, welchen das andere?

Fachpublikum aus Beratung und Organisationen im Kontakt mit Studierenden der HAM

 

Prof. Hauser hat dazu mit Prof. Kim-Oliver Tietze den wohl bedeutendsten Vertreter der Kollegialen Beratung im deutschsprachigen Bereich an die Hochschule für angewandtes Management geladen. Auf bewundernswerte Weise hat Tietze mit seiner Forschungstätigkeit das Feld der Kollegialen Beratung eingegrenzt und mit klaren Regeln und Verfahrensweisen fassbar gemacht, um Selbstorganisation zur Bearbeitung berufsbezogener Probleme möglich zu machen. Als „Supervision ohne Supervisor“ stellt für ihn Kollegiale Beratung ein bedeutsames Element der Personalentwicklung dar. Organisationale Probleme, so Tietze, können daher nicht Gegenstand der Kollegialen Beratung sein.

Critical Action Learning (CAL) hat demgegenüber von Beginn an einen anderen Fokus und Anspruch. Individuelles Lernen wird immer auch im Kontext des Organisationslernens bzw. der Organisationsentwicklung gesehen, Markenzeichen von CAL ist die Simultanität und wechselseitige Befruchtung individueller und organisationaler Entwicklung und Veränderung. Der einzelne lernt in einem Rahmen, der zumindest teilweise von den Organisationen gesetzt ist, in denen er sich bewegt und transformiert durch sein Lernen und die Vergemeinschaftung ins Umfeld den organisationalen Rahmen selbst. Dabei lernt auch Action Learning in einer globalen Community von Praktikern und Wissenschaftlern.

Prof. Hauser zeigt die Spannbreite von Critical Action Learning

Dieser Aspekt wurde in den vergangenen Jahren mit der Konzeptualisierung von CAL als Weiterentwicklung des konventionellen eher operativen Action Learning und Verknüpfung mit den kritischen Theorien, z.B. der Frankfurter Schule, wesentlich vertieft. Dies ermöglicht es, in einer systematischen Weise Mikropolitik, Spannungen und Machtverhältnisse, die nachhaltiges Lernen in Organisationen ermöglichen könnten – allzu oft aber eher verhindern – in der praktischen Arbeit zu thematisieren und so zu dekonstruieren, dass Veränderung möglich ist. Das bedeutet insbesondere, es aus der quasi-automatisierten Denk- und Handlungssphäre, die im Alltag kaum mehr wahrgenommen wird, mit der Unterstützung eines Facilitators der Bearbeitung im Dialog des Sets zugänglich zu machen.

Prof. Tietze erläutert die Systematik der Kollegialen Beratung

Die intensive Diskussion mit einem hochinteressierten Fachpublikum zeigte, dass es neben offensichtlichen prozessualen Berührungspunkten auch deutliche konzeptionelle Unterschiede zwischen beiden Ansätzen gibt, die einen fruchtbaren Dialog ermöglichen und sinnvoll erscheinen lassen. Kollegiale Beratung und die dort geleistete methodische Grundlagenarbeit stellt eine wichtige Bereicherung für CAL dar und kann als eine Methode dort auch durchaus fruchtbar zum Einsatz kommen. Die CAL zugrundeliegende Haltung und Vorgehensweise wiederum hält nach Einschätzung von Prof. Tietze für Kollegiale Beratung zahlreiche Anregungen bereit. Der Reihe wird fortgesetzt.


Schreibe einen Kommentar

*